Die Versöhnungsgemeinde fördert seit vielen Jahren ein Projekt in der südbrasilianischen Stadt Santo Antonio da Platina, das Erntetagelöhner und ihre Kinder unterstützt. Das Herz der Arbeit
ist ein Hort, in dem etwa 100 Kinder und Jugendliche schulische Nachhilfe erhalten und mit Essen versorgt werden. Da meine Familie und ich in diesem Jahr wieder unseren Urlaub in Brasilien verbringen, nutze ich die Gelegenheit, das Projekt zu besuchen.
Um 7:20 Uhr komme ich mit dem Bus in Santo António da Platina an. Um etwas vom Leben des Projekts zu sehen und nicht erst nachmittags anzukommen, habe ich den Nachtbus genommen. Deia, seit einem Jahr Leiterin des Projekts, erwartet mich schon mit ihrer Tochter. Bald nach unserer Ankunft im Casa Comunitaria, dem Gemeinschaftshaus, kommen auch die Projektmitarbeiterinnen Marcilene und Aquias, der Kassenwart des Vereins. Trotz der engen Anlehnung an die Methodistische Kirche ist das Projekt wie ein Verein organisiert, hat also einen gewählten Vorstand, Kassenwart usw.
Während der Ferien funktioniert das Leben im Hort anders als sonst. Es kommen täglich nur etwa 30 Kinder statt der 103 angemeldeten. Es findet ein Freizeitangebot statt, Schulaufgaben fallen weg. Zwei Mitarbeiter sind dabei Wände zu streichen. Andere Räume sind z. T. vollgeräumt mit Stühlen oder Material wegen der Renovierungsarbeiten. Einiges am Gebäude ist renovierungsbedürftig. Deia und Marcilene erzählen, dass endlich Mittel von der Stadt zur Verfügung gestellt werden, um die Küche zu renovieren. Beide träumen darüber hinaus von einer grundsätzlichen Erweiterung der Küchenräumlichkeiten und einer Verlegung der Toiletten (bisher müssen zwei Toiletten für die Kinder reichen). Die methodistische Kirche hat im Viertel eine eigene Gemeinde gegründet und auf einem nahe liegenden Grundstück eine kleine Kirche gebaut, die vom Hort einmal im Monat für einen Gottesdienst genutzt wird.
Im Gespräch mit den Dreien wird mir deutlich, dass sich die soziale Situation der Familien verändert hat. Die Landarbeitertagelöhner stellen inzwischen den kleineren Anteil der Kinder des Horts. Die Technisierung der Landwirtschaft nimmt weiter zu und damit der Bedarf an Arbeitskraft ab. Die Zahl der Arbeiter bei der Zuckerrohrernte hat sich durch den Einsatz von Erntemaschinen um die Hälfte verringert. Die Frauen der Familien arbeiten nun oft als Hausangestellte. Die Männer sind häufig arbeitslos oder haben Saisonjobs auf dem Bau. Die Mehrheit der Erwachsenen der Umgegend sind immer noch Analphabeten. Die meisten Familien
können inzwischen das notwendige Essen finanzieren, jedoch fehlen oft die Mittel für die Dinge darüber hinaus wie . B. für Schulbücher oder Kleidung. Die kostenlosen Mahlzeiten im Hort entlasten die Familien stark.
Die Unterkünfte auf dem an das Projekt anschließende, "Seifenhügel" genannte Viertel, sind teilweise nur Baracken, andere einfach gebaute Ziegelhäuser. Die Unterkünfte sind inzwischen an Wasserleitungen und an Strom angeschlossen. Die Bewässerungsgräben allerdings liegen frei - eine stete Gesundheitsgefahr. Ein großes Problem ist die Drogensucht der Jugendlichen. Viele konsumieren Haschisch und Crack oder auch eine Oxi genannte Droge auf der Basis von Kerosin oder Benzin. Jugendliche verdienen relativ viel, wenn sie als "Flugzeuge", als Drogenüberbringer, arbeiten. Die Gefahr zu sterben ist aber auch groß, so wie der 17-jährige ehemalige Hortjunge, der im vergangenen Jahr erstochen wurde. Ein Ereignis, das viele Kinder des Projekts geschockt hat.
Deia erzählt von einem weiteren Jungen, 13 Jahre alt, der voll mit Drogen immer wieder zu den Hortmitarbeitern kommt, um zu betteln. Beide hoffen, dass sie bald Mittel organisieren können, um eine regelmäßige Arbeit mit süchtigen Jugendlichen aufzubauen. Im Moment fehlen dafür die Kapazitäten. Natürlich muss eine solche Arbeit auch getrennt von der eigentlichen Hortarbeit stattfinden, damit die Süchtigen nicht täglich mit den anderen Kindern und Jugendlichen zusammen sind.
Sehr interessant war für mich ein Gespräch mit Isabel, einer jungen Frau, die als Köchin im Projekt arbeitet. Ich lernte sie vor 19 Jahren als zwölfjähriges Mädchen kennen, das den Hort besuchte. Ihre Mutter war alkoholabhängig und einseitig gelähmt. Jedes ihrer vier Kinder war von einem anderen Mann. Sie lebten unter sehr elenden Bedingungen. Oft schlief sie auf dem Boden ohne die Kleider zu wechseln. Die Mutter schickte sie betteln. Wo sie Struktur erlebte, war der Hort. Inzwischen ist Isabel selbst Mutter von drei Kindern (und geschieden). Mit Hilfe ihrer Tante hat sie
ein kleines Ziegelhäuschen gebaut, in dem sie mit zweien ihrer Kinder lebt (eines wohnt beim Vater). Sie ist in der Lage regelmäßig zu arbeiten und kocht übrigens gut. "Schau", sagt sie, "früher hatte ich nichts zu essen, heute arbeite ich mit so viel Essen. Ich kann für meine Kinder sorgen. Als meine Tochter neulich Geburtstag hatte, konnte ich ihr Schuhe kaufen."
Sie wirkt auf eine nüchterne Art zufrieden. Auch wenn das Projekt natürlich nur wenigen jungen Menschen Lohnarbeit zur Verfügung stellen kann, so kann es ein Stück Stabilität im Leben ermöglichen, die auch im weiteren Leben Halt gibt. Daneben unterstützt es den schulischen Erfolg. Wie sagte der Kassenwart Arquias: "Wir haben im Moment eine seltsame Situation in Brasilien. Es gibt durchaus Arbeit, aber es gibt zu wenig Personen, die eine qualifizierte Ausbildung haben."
Ihr Jörg Oeding
Seit Jahren fördert die Versöhnungsgemeinde ein Projekt in der südbrasilianischen Stadt Santo Antonio da Platina, das Erntetagelöhner und ihre Kinder unterstützt.
Diese in extremer Armut lebenden, oft nicht des Lesens und Schreibens kundigen Menschen werden "Boias - Frias", "Kaltesser" genannt, weil sie während des Tages kein
warmes Essen zu sich nehmen. Das Herz des Projektes ist ein Hort, in dem Kinder schulische Nachhilfe bekommen und mit Essen versorgt werden. So müssen sie nicht auf die
Felder, um den Lebensunterhalt der Familien mit zu erarbeiten, sondern erlangen einen Schulabschluss, der ihnen eine Zukunftschance bietet. Daneben gibt es noch eine Vielzahl
anderer Aktivitäten (Erwachsenenkurse, Frauenförderung, Arbeit mit Straßenkindern u.a.), mit denen versucht wird, die Lebenssituation dieser Menschen zu verbessern.
Im Jahresbericht 2005 hat die Leiterin des Projektes Maria Bendita dos Santos Cardoso vor allem Berichte von den Hortkindern geschickt. Ein paar habe ich übersetzt. Leider ist es - wegen unzureichender
Qualität - nicht möglich die Fotos der Kinder abzudrucken, ich denke aber, die Worte (drei von 67 Beiträgen) sagen genug aus.
"Ich heiße Alison. Ich bin neun Jahre alt und gehe zur Grundschule. Ich wohne bei meiner Großmutter. Sie arbeitet bei der Zuckerrohrernte. Wenn ich aus dem Hort komme, bin ich allein, bis zu
dem Zeitpunkt, wenn ich in die Schule gehe. Ich mag es, in das Projekt zu kommen, um zu spielen und zu essen."
"Ich heiße Josmar. Ich gehe in die fünfte Klasse. Ich bin neun Jahre alt. Am meisten mag ich Fußball , ich bin Fan von Corinthians (ein Club aus Sao Paulo - vergleichbar mit dem "Arbeiterverein" Borussia Dortmund).
Am meisten mag ich Mathematik. Ich bin zum Projekt gekommen, weil meine Mutter krank war und ich einige ziemlich falsche Sachen machte. Ich lebte auf der Straße, heute mache ich das nicht mehr,
weil ich gern zum Projekt komme."
"Ich heiße Thais Francisca, bin 11 Jahre alt und im vierten Schuljahr. Ich habe drei (jüngere) Brüder...Ich bin ins Projekt gekommen, weil die Erzieherinnen Déia und Marcilene einen Besuch in der
Nähe meines Hauses machten und mich allein arbeitend antrafen. Ich kochte, passte auf meine Geschwister auf, weil meine Mutter als Boia Fria arbeitete. Marcilene sagte daher zu mir, dass ich ins
Projekt kommen sollte und mich dort einschreiben sollte, denn ein Kind gehört in die Schule und ins Projekt. Mir gefiehl es hier (im Projekt) und meiner Mutter auch, weil ich mit meinen Freundinnen Ball spielen kann,
Völkerball, Fußball, ich tanze,...ich esse gern Reis, Bohnen, Fleisch und Salat. Ich mache gern Schulaufgaben. Die Erzieherin Deia nahm Kontakt zur Schule auf. Ich muss eine Nachprüfung machen, weil ich
sehr viel gefehlt habe, da ich auf meine Geschwister aufpassen musste. Aber (die Leute vom Projekt) haben mir Mut gemacht nicht aufzugeben. Im nächsten Jahr werde ich mehr Zeit für die Schule
haben, weil ich nicht mehr zu Hause arbeiten muss, denn ich komme in eine Förderung, die meiner Mutter hilft, dass die Kinder in die Schule gehen und ihnen so eine bessere Zukunft ermöglicht."
In Brasilien ist es ähnlich wie in Deutschland: Ohne Bildung hat kein Kind eine Chance. Das Schicksal brasilianischer Kinder ohne Zukunft ist nur viel dramatischer als hier. Das Projekt Boias Frias kämpft seit vielen
Jahren dagegen.
Wenn Sie das Projekt unterstützen wollen, spenden Sie bitte auf das Konto der Ev. Versöhnungsgemeinde:
Evangelischen Kreditgenossenschaft eG (EKK)
Kto-Nr: 4 103 750
BLZ 500 605 00
Stichwort: Boias Frias
Ihr Jörg Oeding