Studienfahrt in die Türkei


20 Reiselustige von 40 bis 83 Jahren machten sich an einem Montag im Oktober vor
Sonnenaufgang auf, um in die Türkei zu fliegen. Bei strömendem Regen, aber voller Erwartung
kam die Gruppe - nach einem Zwischenstopp in Istanbul - etwas müde in Kayseri am Flughafen
an. Leider wurden aber nur 18 Koffer zu diesem kleinen Flughafen befördert und beinahe wäre
beim Einsteigen in einen falschen Bus sogar noch ein Mann abhandengekommen :. (Die Koffer
erreichten uns zum Glück einen bzw. drei Tage später.) Am nächsten Tag zeigte sich Ürgüp in
Kappadokien, unser Standort für die nächsten 4 Tage, von seiner Sonnenseite: unbeschreibbar
schöne Felsenkonturen, Feenkamine aus Tuffstein und Lavaasche mit oder ohne darin
eingemeißelten Wohnungen, soweit das Auge reichte, warme in allen Sandfarben schattierende
Töne …

Zu besichtigen gab es so viel: Als Einstieg versuchten wir uns mit einem Aufstieg auf die Burg
Ortisahar, der Ausblick belohnte die nicht wirklich nach deutschen Maßstäben gesicherten
Wege. Weiter ging es nach Göreme, heutiges Weltkulturerbe. Diese eng beieinander liegenden
Höhlenkirchen mit gut erhaltenen Fresken aus dem 11. Jahrhundert waren die Reise alleine
schon wert. Unser Guide Vahap nutze die sommerlichen Temperaturen dazu, die Geschichte
des Christentums bis ins 11. Jahrhundert unter einem Baum zu referieren - es blieb tatsächlich
noch genug Zeit, drei der vielen Kirchen zu betrachten und ins Nachbartal nach Zelve zu den
Tuffpyramiden zu fahren. Da wir kurz vor Toresschluss dort ankamen, war es herrlich ruhig und
die Abendsonne beleuchtete die kleinen Feenkamine, ursprünglich Wohnungen und Kirchen
von Mönchen, in einem ganz neuen Licht. Hätten uns die Wärter nicht wie Hunde mit Pfiffen
zurückgeholt, wir wären länger geblieben. Ob vielleicht auch jemand, wie unser Guide von sich
behauptet, illegal dort übernachtet hätte?

Da wir eine Gruppe sehr fitter, sportlicher Menschen sind (Zweidrittel sind über 70!), scheuten
wir am nächsten Tag keinen noch so kleinen Tunnel, um die unterirdische Höhlenstadt
Derinkuyu mit Stall, Weinkeller, Kirchen und Falllöchern für mögliche Feinde zu erleben. Doch
damit nicht genug - es folgte eine Wanderung durch das idyllische Ihlaratal mit Mittagessen
direkt am Fluss. Auch der Abend bei einer alevitischen Familie mit Wein, Traubensaft und Tee
mit alevitischen, religiösen Liedern des Ehepaares war ein gelungener Abschluss des Tages.
Da jede Reise bedeutet, Erinnerungsstücke zu kaufen oder den Daheimgebliebenen (Kindern,
Enkeln etc.) etwas mitzubringen, hat unsere Gruppe zugeschlagen. Es begann mit Schmuck,
gefolgt von Ponchos, Tüchern, Pumphosen und hatte bis zum Weiterflug nach Istanbul seinen
Höhepunkt beim Kauf von handgeknüpften Seiden- Teppichen aus einer armenischen
Teppichknüpferei aus Ürgüp. In Istanbul sollte dies mit Gewürzeinkäufen auf dem Basar und
Lederjacken aus einer Lederfabrik fortgeführt werden. Die Vorfreude der Reisenden auf eine
Ballonfahrt über diese einmalige Landschaft Kappadokiens stieg von Tag zu Tag. Morgens um
sieben Uhr war es so weit. Der Himmel strahlte, die Sicht war klar und der Vollmond zeigte sich
neben der Sonne: eine Stunde in der Höhe (max. 550 Meter) über dieser Landschaft mit dem
sehr freundlichen und humorvollen Piloten Mustafa - unbeschreiblich und unvergessen.

Es ging von der kleinen Stadt Ürgüp weiter ins berühmte Istanbul. Vom völlig überlasteten
Flughafen, dem Stau am Ankunftstag und dem täglichen Regen sei lieber nicht weiter erzählt,
stattdessen von den schönen Seiten dieser Stadt. Wir genossen die kurzen Wege (meist zu
Fuß), da sich unser Hotel in der Altstadt nahe der Sehenswürdigkeiten befand. Der Kontrast zu
Kappadokien war deutlich sichtbar: Istanbul ist eine 17 Millionenstadt mit europäischem Einfluss
und noch mehr Touristen als zuvor. Doch trotz der vielen Menschen trafen wir im Hotel
bekannte Gesichter aus Oberursel und unserer Gemeinde - wie klein die Welt doch ist. Wir
staunten vor allem am Bosporus über die Preise der Immobilien. Die Schifffahrt entlang der
Villen, die meist unbewohnt waren, konnte aber nur teilweise verständlich machen, warum die
Gegend hier am Bosporus eine der teuersten der Welt ist. Die beiden Religionen - Christentum
und Islam - begleiteten uns die drei Tage in Istanbul. Beide haben faszinierende Baumeister
und Werke hervorgebracht, eines schöner als das andere. Die Blaue Moschee, die Süleyman
Moschee, die Hagia Sofia und das Chora-Kloster standen auf dem Programm. In der Süleyman
Moschee konnten wir in Ruhe, auf dem Teppich sitzend, der Geschichte und Tradition des Islam
lauschen.

Auf einem der Hügel Istanbuls erbaute der Baumeister Sinan diese wunderschöne
Moschee. Sie ist eher rötlich und mit kunstvollen Ornamenten bemalt im Gegensatz zur
genauso schönen Blauen Moschee mit ihren kunstvollen blauen Kacheln. Wir staunten über die
Größe und die extrem kurze Bauzeit von fünf Jahren für die Hagia Sofia genauso wie über die
sehr gut erhaltenen Fresken und Mosaiken im Chora-Kloster. Auch der Topkapi-Palast mit
seinem Harem, einem sehr schönen goldenen Käfig für die Frauen des Sultans, stand, wie es
sich gehört, auf dem Programm. Wir konnten allerdings nicht wirklich glauben, dass gerade in
diesem Palast das Schwert Davids oder der Stab des Moses zu sehen sein sollten. Den
Schmuck der Schatzkammer hingegen hätten die Frauen unserer Reisegruppe sehr gerne
selbst besessen, um ihn vielleicht in der Yerebatan-Zisterne aus dem 6. Jahrhundert bei
Heutzutage stattfindenden Konzerten oder Filmaufnahmen zu tragen. Den letzten Abend
verbrachten wir in einem traditionellen Fischlokal - Musik, Fisch und Raki gehören hier dazu -
mit oder ohne Raki war die Stimmung bestens, wie die gesamte Woche über. Es wurde viel
gelacht, erzählt und miteinander erlebt. Wir sind zwar etwas müde, aber reich an vielen Bildern,
Eindrücken und Gesprächen nach Hause gekommen.


Mirjam Brockmann

 

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